Tagesspiegel, 16. September 2018

… mit Dank an Matthias Reichelt.

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Hannes


Ein Maniac ist gegangen.
Einer, wie es wirklich wenige gibt. Von wie vielen wird behauptet, sie würden für ihre Mission leben – bei diesem traf es zu. Er hatte eine Leidenschaft, und die war ausschließlich. Sie war nicht das abseitige Hobby eines vom Leben Enttäuschten. Im Gegenteil – er hatte schon eine erfolgreiche Karriere hinter sich, als er sich auf das zu konzentrieren begann, was ihm wirklich wichtig war: die Fotografie und ihre Repräsentation in Buchform – und es wurde seine zweite Erfolgsgeschichte: Über 100 Titel sind in seinem Verlag Peperoni Books erschienen. Da spielte eine fämiliäre Disposition eine große Rolle, denn immerhin war er wie Vater und Bruder gelernter Drucker*. Aber er war eben auch Fotograf und, das ist für die weitere Geschichte wichtig, ein an der Arbeit anderer Fotografen Interessierter.
Sein Leben war in den letzten vierzehn Jahren das Publizieren, ach was, das Kuratieren von Fotobüchern. Was er nicht für richtig und wichtig hielt, hatte in seinem Verlag keine Chance – unabhängig von den Qualitäten, die andere in den ihm angebotenen Projekten sahen.
Hannes hat sich aufgebraucht für dieses Lebensprojekt. Sein Abgang kam nicht aus dem heiteren Himmel; es war ein Finale mit Ansage. Wer einmal seine Fingernägel gesehen hatte, ahnte, dass in diesem Leben kein Platz mehr war für solche Nebensächlichkeiten wie Maniküre, Familie, Muße. Ich habe mich immer gefragt, wie jemand, der dermaßen in Anspruch genommen ist von den Alltäglichkeiten des Buchhandelsgeschäfts – Kassenabrechnung, Postversand, Zollamt, Kundengespräch, Steuererklärung, Reklamationen, Werbung, Messen, dem perfektionistischen Management des Verlages von der inhaltlichen Programmatik bis zur Druckmaschine und – last not least – den Vorträgen und Workshops in aller Welt – immer noch fundiert über jedes der Bücher sprechen konnte, die in seinem Laden lagen. Und er wusste immer mehr, als im Klappentext stand.
Dass Hannes Raubbau mit seiner Gesundheit trieb, sah jeder, der Augen hatte, was man ja gerade bei Fotografen voraussetzen kann. Für sie alle hat er gearbeitet, für ihre, unsere, meine Eitelkeit, in die Geschichte einzugehen mit einem Buch. Hannes ist auch für mich gestorben.

* Berichtigung: Hannes war gelernter Reprofotograf. Dank an Jochen Wanderer für den Hinweis, s. Kommentar vom 13.11.

Da war noch was …

Uwe & agnès b., Berlin 1987

Genau für so etwas gibt es Veranstaltungen wie die «Rencontres de la photographie d’Arles»: Man kommt ins Gespräch mit Leuten, mit denen man (leider) vorher noch nicht zu tun hatte, und stellt verblüfft fest, dass man schon früher voneinander hätte wissen sollen. Zum Beispiel Angelika und Markus Hartmann von Hartmann Projects, die bei der Arbeit an Ausstellung und Katalog zur DDR-Modezeitschrift «Sibylle» auf ein kleines Seitenthema gestoßen sind: 1987 brachte der französische Kulturattaché in Ostberlin zwei Strickjacken von agnès b. aus Paris mit und ließ sie unter den ostberliner Fotografen kreisen, damit sie damit Fotos machen. Als Markus erwähnte, dass nicht alle der beteiligten Fotografen bekannt wären, konnte ich mich stolz outen: Auch ich hatte, zusammen mit meinem Kommilitonen Uwe Hauth (ich studierte damals noch), die Jacken für einen Nachmittag.

Maila & agnès b., Berlin 1987

Die «Sibylle» brachte 1988 einen großen Beitrag mit vielen der dabei entstandenen Bilder; unter anderem von Gundula Schulze, Maria Sewcz oder Stephan Gustavus – meine liegen aber wie die von vielen anderen Beteiligten unpubliziert seit über 30 Jahren im Archiv.

[SPACE] in den Deichtorhallen Hamburg

Deichtorhallen, Hamburg 2018
Zur Triennale der Photographie Hamburg 2018 hat die Kuratorin Sabine Schnakenberg unter dem handlichen Titel «Breaking Point: [SPACE] Street. Life. Photography/Street Photography aus sieben Jahrzehnten» etwa 320 Arbeiten von 52 Fotografen zusammengestellt, die sich seit den 1950er Jahren mit dem Leben in der Stadt auseinandergesetzt haben – mit den Menschen, den Räumen, der Öffentlichkeit und der Anonymität, der Bewegung, den Unfällen, den Zeichen und dem Material. Die Liste der Künstler reicht von Diane Arbus über Lee Friedlander und Stephen Shore bis zu Wolfgang Zurborn, und irgendwo gegen Ende steht – ich glaube es immer noch nicht richtig – zwischen Wolfgang Tillmans und Dougie Wallace auch mein Name. Ich durfte drei Zahlen aus der Serie der «Runway/Signs» vom ehemaligen Flughafen Tempelhof beisteuern. Zwar nur drei – aber dafür über 7 Quadratmeter groß! „[SPACE] in den Deichtorhallen Hamburg“ weiterlesen

Das war’s dann …

Das Ende einer ganzen Kunstgattung, der Straßenfotografie, kam gerade  mit der Geschwindigkeit und Unabweisbarkeit einer Diesellok: Die (digitale) Fotografie von Menschen in der Öffentlichkeit wird in wenigen Tagen nicht mehr möglich sein ohne vorherige schriftliche Einwilligung der Abgebildeten. Das ist die für Fotografen wichtigste Auswirkung der neuen «Datenschutzgrundverordnung», die uns alle vor dem Mißbrauch unserer Daten schützen soll. Die Paranoia in Bezug auf das Fotografiertwerden, die in den letzten Jahren sowieso schon grassierte, erhält jetzt einen handfesten Hintergrund; mit Strafandrohung von bis zu 20 Millionen Euro.

Wahrscheinlich wird es aber nicht die Betreiber von Überwachungsanlagen – demnächst auch mit Gesichtserkennung – treffen, sondern irgendeinen ahnungslosen Amateur, der mit dieser Art Fotografie sein Geld verbraucht (denn verdienen ließ sich auf diese Weise wohl noch nie welches).

Die Auswirkungen des Gesetzes werden hier beschrieben, wo auch darauf hingewiesen wird, dass unsere Bundesregierung ausdrücklich nicht tätig werden wollte, um Rechtssicherheit zum Schutz der Meinungs- und Kunstfreiheit zu schaffen.

Update (8.5.2018): Wie der Berufsverband der Freien Fotografen und Filmgestalter (BFF) in einer Mitteilung schreibt, soll das sogenannte Kunstfreiheitsgesetz, das diesen Bereich bisher geregelt hat, weiterhin angewendet werden und nicht von der neuen Richtlinie verdrängt werden. Dazu zitiert die Verbandsjustiziarin eine Auskunft des Bundesheimatmuseums, pardon, des «Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat».