Coronozän

Beobachtungen aus der jüngeren Vergangenheit, die vielleicht irgendwann
einmal ‹Coronozän› heißen wird.

Heute zu (morgen auch)

Auf den esten Blick scheint Corona unser aller alltägliches Leben zu entschleunigen. Es lädt die Privilegierten unter uns zu mehr Kontemplation ein und es verlangsamt das Wirtschafts- und Kulturleben.
Gleichzeitig werden auch Prozesse beschleunigt, wie zum Beispiel die Vergrößerung der gesellschaftlichen Unterschiede, oder, weniger neutral ausgedrückt, der sozialen Spaltung. Das sieht man an der Gentrifizierung, die in Berlin unvermindert im Gang ist und dessen sichtbarer Ausdruck die Baustellen sind, die trotz erster, zweiter und dritter Welle weiterarbeiten, als gäbe es keine Pandemie.
An einigen Orten treffen die Welten des neuen Reichtums und des «gewöhnlichen» Lebens materiell sichtbar aufeinander – zum Beispiel an der Rückseite des Berliner Ostbahnhofs. Dort bilden etwa 20 Imbissbuden eine Art Dörfchen für Reisende und Gestrandete. Die Namen der Buden klingen nach weiter Welt: «Samara», «Palamera», «Bilbay», manchmal aber auch nur «Asiatische Spezialitäten», «Alt-Berlin» oder «Käsekönig». Man weiß nicht, wodurch ihr Verschwinden letztlich bewirkt wird: Entweder wird ihnen die Kraft fehlen, aus ihrem erzwungenen Dornröschenschlaf wieder aufzuwachen oder sie werden einfach beiseitegeschoben, um das Umfeld für die neuen UrbanLivingCreativeLifestyle-Immobilien aufzuwerten.
– – – Aber nein: Das Ende des Marktes will keiner, auch nicht die Stadt, die an den Standmieten gut verdient. Der «Käsekönig» ist einzige Laden, der wirklich abgerissen wird, aber nur um vorne in der Straße wieder neu aufzumachen. Erzählt hat mir das der Betreiber des orangen Oktogons, das ich immer geschlossen gesehen habe, bis ich einmal vor 14 Uhr da war. Er zieht auch um: 20 Meter näher an den Bahnhof, in einen nagelneuen Container, den er schon bestellt hat, weil sein Achteck zu baufällig für eine Demontage wäre. (2021)

Die Serie wurde zuerst 2021 im Rahmen der Gruppenausstellung «Sauver Le Corps» der ParisBerlin›fotogroup bei den Rencontres de la photographie Arles gezeigt.

Anhalten in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt, laut Landesmarketing «Das Land der Frühaufsteher»: hin- und herwankend zwischen «schöner Gegend» und Industrielandschaft. Die Industrie, wo nicht schon ganz verschwunden, dann arg gesundgeschrumpft; die Natur nur in Form von ‹Kulturlandschaft», in den letzten tausend Jahren mehr als einmal komplett umgegraben.
In Allstedt an einer Mauer hinterm Kriegerdenkmal ein professionell gestaltetes Graffiti: «8. Mai. ‹Tag der Befreiung› Wir feiern nicht!». Unglaublicher Maihimmel über Hundisburg. Schwarze Pyramiden im Mansfelder Land. Der Hinterhof eines indischen Restaurants in Havelberg: alles doppelt vorhanden, sogar die Löwen. Malerisch an der Elbe gelegener Steinmetz mit lautespielendem Putto und Alligator. In Allstedt drei böse halbierte Fichten hinter einer Mauer. Das «Deutsche Haus» in Wettelrode, verschlossen und verwuchert. «Chemie Schweine» auf der Saalebrücke in Könnern. Ein Zusammentreffen einer Dampflokomotive mit einer Photovoltaik-Plantage in Hettstedt. (2020)

Osterspaziergang

Corona-Schock Nr. 1: Vor Schreck waren zu Ostern wirklich alle zu Hause geblieben, obwohl das Wetter wunderschön war. Zu Weihnachten hat schon die Gewöhnung eingesetzt; jetzt fahren alle «nach Hause», statt zu Hause zu bleiben. (2020)

Alle hier gezeigten Bilder sind als Fineart-Prints oder Baryt-Abzüge erhältlich.
Anfragen bitte per Mail.