Runway

Runway: Übersicht Tempelhofer Feld, Berlin 2014 (Download hier)

Das Fotoprojekt Runway zeigt Landebahnmarkierungen des ehemaligen Flughafens Berlin Tempelhof und knüpft an die Serien Asphalt und Technik aus der Desiderata-Reihe an.
An «Asphalt» offensichtlich aus motivischen Gründen, aber in einer anderen, ‹sachlichen› Sichtweise, ohne eine den Gegenstand kommentierenden Veränderung durch Licht und Schatten, Feuchtigkeit, Perspektive. Mit Technik hat das Projekt gemeinsam, dass es die Veränderung von Stofflichem durch den Menschen untersucht. Es handelt sich dabei um Veränderungen, die ein Funktionieren in einer bestimmten Absicht bezwecken, aber sich dabei immer der offensichtlichen Übermacht der inner- und außermenschlichen Natur zu erwehren haben: dem Versagen, dem Verfall, der Eigenmächtigkeit der Materie in Form von Gravitation, Korrosion oder Erosion. Das unerreichte Vorbild in diesem Sinne ist ein anonymes Foto in der surrealistischen Zeitschrift Minotaure von 1937. Es zeigt eine von Pflanzen überwucherte Lokomotive, die mit letzter Kraft gerade dem Dschungel entflohen zu sein scheint, aber immer noch mit ihm verschlungen ist, so daß sie keinen Zentimeter mehr vorankommt und rostend darauf wartet, daß der Wald sie endlich doch verschlingen wird. André Breton kommentierte dieses Bild als «Dokument des Triumphes und der Kata­strophe zugleich».
Das erste Bild der Serie ist eine der 30m langen Mittellinien (Centre Line). Es ist 2015 in Form eines Buches erschienen, das schon vor Erscheinen sensible Beobachter zu begeisterten Rezensionen inspiriert hat.
Marion Pfaus hat mich in der Ausstellung «Runway» in der Galerie Franzkowiak zu den Bildern befragt.

Die «Center Line» ist 2016 als Buch bei Peperonin Books erschienen.

Runway: Center Line, Tempelhofer Feld, Berlin 2014

Runway: Center Line – der 12. Streifen der Landebahn 09L/27R

Das erste Bild des Runway-Projektes zeigt einen Streifen der sogenannten «center line» der nördlichen Start- und Landebahn auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, in der ersten Fassung fotografiert am 9. Juli 2011, also zu einer Zeit, als der Flughafen schon nicht mehr in Betrieb war und von den Berlinern als Volkspark benutzt wurde. Zu den Spuren, die die Witterung und der Flugbetrieb auf dieser Markierung hinterlassen haben, kommen jetzt also noch die Spuren von Fahrrädern und Skateboards. Was an ‹Interessantem› in dem Runway-Streifen enthalten ist, kommt nicht von der Art der Fotografie, sondern aus dem Material selbst: Selbst hochwiderstandsfähige Spezialfarbe auf steinhartem Asphalt ist nicht für die Ewigkeit geeignet. Die Zeit schleift dieses Artefakt zu einem neuen Pergamonfries – dort der Kampf der Menschen gegen die Titanen, hier der Kampf der Flughafenverwaltung gegen die Instandhaltungskosten. An Details wie einzelnen Grashalmen oder Insekten kann man die reale Größe des Streifens erahnen: er ist nämlich siebeneinhalbmal so breit und zehnmal so lang wie einer auf der Landstraße.
Die Markierungen für Flugplätze sind – selbstverständlich – international genormt. Nach dieser Norm ist ein Streifen der «center line» 90 cm breit und 30 m lang, die nächste Linie folgt nach 20 m, also ergibt sich ein komplettes Intervall von 50 m. Interessanterweise ist also die Größe der Markierungen nicht nur in metrischen Maßen angegeben, sondern folgt auch einer metrischen Logik, obwohl in der Fliegerei sonst alles in Inch und Fuß gemessen wird.
Das vollständige Bild ist in Buchform im Maßstab 1 : 2,27, also als 14 m langes Leporello wiedergegeben.
Im Buch erscheint dasselbe Bild mit zwei verschiedenen Titeln: von der einen Seite als 09R, von der anderen als 27L. Es steht bewußt nicht: «von vorne» und «von hinten», weil dieses Buch, das einer traditionellen Leporello-Buchform entspricht, kein «Vorne» und kein «Hinten» hat. Dennoch sind die Leserichtungen eindeutig benennbar, da der Streifen eine konkrete geografische Ausrichtung hat, die sich im Namen der Landebahn ausdrückt. Das Runway-Buch wird also nicht von vorne nach hinten gelesen, sondern von Westen nach Osten und umgekehrt.

Runway: Center Line, Ausstellungsentwurf; Buch Runway 09L/27R

Der zweite Komplex des Projekts besteht aus den Zahlen der Landebahnmarkierungen, die mit der gleichen Technik fotografiert wurden und bisher in einer ausstellungstauglichen Größe von ca. 250 × 90 cm unter anderem bei der Triennale der Fotografie in Hamburg gezeigt wurde. Zwei der Zahlen hingen allerdings auch schon 2020 in ihrer Originalgröße von 9 × 3 m in der Ausstellung «Ein Traum von einer Stadt» in der berliner Matthäuskirche.
Die Ausrichtung von Start- und Landebahnen folgt der Hauptwindrichtung, die in Berlin meist Westen ist. Die Bahnen werden nach ihrer Ausrichtung und abhängig von der Anflugrichtung benannt. Eine Landebahn, die etwa in Ost-West-Richtung liegt, kann aus zwei Richtungen angeflogen werden: Im Fall von Tempelhof in Richtung 86°, d.h. von Westen kommend, oder nach 266°), d.h. von Osten kommend. Der Name ergibt sich aus diesen auf ganze Zahlen gerundeten Gradzahlen, geteilt durch 10: Aus 86° wird 09, aus 266° wird 27. Daraus ergibt sich Landebahnkennung 09/27. Die Differenz zwischen beiden Zahlen ist dadurch immer 18 (180°); der kleinere Wert wird in der Kennung («runway designator») immer zuerst genannt. Hat ein Flughafen zwei Landebahnen in der gleichen Ausrichtung, dann wird die Nummer mit einem Zusatz für die jeweilige Lage ergänzt: die linke Bahn, von Westen gesehen, erhält also den Zusatz «L» – aus 09 wird 09L. Von Osten gesehen liegt diese Bahn rechts, erhält also die Kennung 27R.
Die Lebensdauer des Asphaltbelags wird zwar mit 15 bis 20 Jahren kalkuliert, aber auch der Name der Landebahn hält nicht ewig: Da die Gradzahlen dem Magnetfeld entsprechen müssen, weil die Piloten nach dem Kompaß navigieren, können es passieren – und passiert auch – daß Landebahnen über Nacht umbenannt werden müssen, weil sich der Magnetische Nordpol wieder einmal verschoben hat.
Die Bahnmarkierungen in Tempelhof wurden mit riesigen weißen Balken durchkreuzt, um jedem uninformierten Piloten klarzumachen, dass dieser Flughafen nicht mehr in Betrieb ist. Die dafür verwendete Farbe ist allerdings weniger haltbar als die der Zahlen, wodurch inzwischen interessante Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Farbschichten sichtbar werden.

Runway: Signs, Tempelhofer Feld, Berlin 2013-18, Pigment-Prints auf Museo Silver Rag, jeweils ca. 250 × 100 cm

Beifang

Weitere Zeichen sind die Markierungen auf den «Taxiways», den Zubringern zu den Landebahnen. Hier zum Beispiel ein «Taxiway Stop Sign», das die Vorfahrt von Flugzeugen vor Autos regelt.

Runway: Taxi Way Stop Sign, Tempelhofer Feld, Berlin 2018

Präsentation

Runway: Signs, Ausstellungsansichten Hamburg 2018 und Berlin 2020

Größere und kleinere Teile des Projektes sind bisher gezeigt worden:
Matthäuskirche, Berlin (2020)
Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg (2018)
Galerie Franzkowiak, Berlin (2018)
Galerie Wouter van Leeuwen, Amsterdam (2016)
Forum für Fotografie, Köln (2016)
Anzenberger Gallery, Wien (2015)

Marion Pfaus hat mich in der Ausstellung «Runway» in der Galerie Franzkowiak zu den Bildern befragt.