Pinakothek

Seit 2012, zuerst während eines achtwöchigen Aufenthalts in China, fotografiere ich mit digitalen Lochkameras. Inzwischen sind aus diesen Aufnahmen zwei Bücher entstanden, weitere werden wohl folgen.

Eight Days A Week

Wie alt ist die  Welt? – «Sieben Tage, und wenn die um sind, nochmals sieben Tage» ist die einleuchtende und korrekte Antwort, die Till Eulenspiegel während eines gelehrten Disputs in einem Film auf diese Frage  gibt.
Die Geschichte läuft aber nicht wirklich im Kreis, sondern eher in Form einer Doppelhelix. Zwar zyklisch von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr, aber insgesamt doch linear: von einer, wie Arthur Schopenhauer sagt, ‹unwiederbringlichen Vergangenheit› zu einer ‹unvermeidlichen Zukunft›.
Fotografie schafft Welten – oder wenigstens erst einmal Berge von Bildern. Eight Days A Week unternimmt den Versuch, aus den Bergen die Welt zu erschaffen, indem die Motive in eine Art naturhistorische Reihung gebracht werden. Sieben Anläufe werden dabei unternommen – ausgehend von dem Verdacht, dass die göttliche Schöpfung möglicherweise auch nicht im ersten geglückt ist. Genauer gesagt sind es sieben plus ein Versuch, und um ganz genau zu sein: In jedem dieser acht Versuche wird die Welt nicht an sieben, sondern einem Tag mehr geschaffen. Nachdem nämlich die Originalschöpfung jedesmal pünktlich zum Sabbat fertig ist, bricht am Tag 7 + das Anthropozän  an.
Im Großen wiederholt sich das Muster: Nach den sieben ersten Versuchen, die Gott vorbehalten sind, schließt eine achte Woche das Werk ab: Das ist die Woche der «Sansculottides», der Jahres-Resttage des französischen Revolutionskalenders. Da dieser Kalender keine siebentägigen Wochen, sondern zehntägige Dekaden hatte, von denen jeweils drei einen Monat bildeten, blieben am Ende des Jahres fünf, in Schaltjahren sechs Tage übrig, die als Feiertage eigene Namen hatten: Tag der Tugend, des Geistes, der Arbeit, der Meinung, der Belohnung und, alle vier Jahre, der  Revolution. (2021)

«Eight Days A Week» ist 2021 im Kerber Verlag erschienen.

Le futur

So sah einmal die Zukunft aus: Das Stadtviertel Mériadeck in Bordeaux. Mit der Neubebauung eines schlechtbeleumundeten Stadtviertels in den sechziger Jahren wurde ein alter Traum der Stadtplanung verwirklicht. Alle Gebäude des Viertels sind durch eine Fußgängerzone in Höhe des dritten Geschosses miteinander verbunden, um eine komplette Trennung von Auto- und Fußgängerverkehr zu erreichen. Auf dieser erhöhten Ebene wiederum schweben die Blocks auf Sützen unterschiedlicher Form. Die angestrebte Urbanität und Aufenthaltsqualität sucht man dann aber doch eher 10 Gehminuten entfernt in den Cafés der alten Innenstadt. (2022)

Aphasia

‹Aphasie› ist eine neurologische Störung, bei der die Patienten die lexikalische Bedeutung der Sprache nicht mehr erfassen können, wohl aber ihren emotionalen Gehalt. Sie können aus Mimik und Tonfall des Sprechers den Wahrheitsgehalt des Gesagten erraten – ohne sagen zu können, worum es eigentlich geht.
In meiner fotografischen Arbeit interessiert mich schon immer die Diskrepanz zwischen der gegenständlichen, «richtigen» Bedeutung von Gegenständen und ihrer visuellen Erscheinung. Seit ich eine digitale Lochkamera verwende, habe ich eine Möglichkeit gefunden, die Erscheinung noch weiter zu vereinfachen und dadurch diese Spannung deutlicher sichtbar zu machen. (2012–2014)

«Aphasia» ist als 2015 als Buch erschienen.

在春天的第一道阳光下

‹在春天的第一道阳光下› heißt ‹In der ersten Frühlingssonne›. März 2012 in der Provinz Zhejiang: Der Winter ist immer noch nicht zu Ende, ich bin schon vier Wochen hier und es hört nicht auf zu regnen. Alles ist nass, kalt und grau. Die öffentlichen Gebäude werden nicht mehr geheizt, weil es draussen wärmer als 5 Grad ist – leider nur ganz wenig wärmer. Die Leute fangen an, depressiv zu werden. Die erste Ernte des Longjing-Tees vor dem Totenfest, die die zartesten und teuersten Blätter liefert, dauert in diesem Jahr nur eine Woche. Plötzlich kommt die Sonne heraus und alles ist verwandelt. (2012)

Alle hier gezeigten Bilder sind als Fineart-Prints oder Baryt-Abzüge erhältlich.
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