Die Banalität des Bunten

Zwei Porträts aus der Serie Vineta, Berlin Friedrichshain 1985, Originale s/w, koloriert 2022

Mit einem Zaubertrick und der Hilfe von künstlicher Intelligenz ist es mir gelungen, die Vergangenheit zu verändern. Ich habe simuliert, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich 1985 in Farbe fotografiert hätte.

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Inspiriert dazu wurde ich während des Unterrichts an der Ostkreuzschule durch zwei kleine Ereignisse: Zuerst hatte ich mit einem Studenten eine Diskussion über die Zeitgemäßheit von Schwarz-Weiss-Fotografie (er und einige weitere waren der Meinung, dass sie unmodern wäre), eine Weile danach zeigte mir ein anderer Student die neue Kolorieren-Funktion in Photoshop.
Ich konnte nicht widerstehen und habe es mit zwei Porträts meiner Vineta-Serie von 1985 versucht. Auf den ersten Blick fast brauchbare Ergebnisse – aber auf den zweiten stellt sich sofort die Sinnfrage. Bringt das jetzt wirklich neue Erkenntnisse? Wird der Eindruck der Bilder wirklich verstärkt? Oder stellt sich nicht eher eine seltsame Distanzlosigkeit her, eine Pseudo-Heutigkeit, der man vielleicht zugute halten kann, dass sie den Zugang zu den Bildern (oder vielleicht eher den abgebildeten Personen) erleichtert und sie so besser konsumierbar macht? Insofern wären sie schon ‹moderner› geworden – aber auch deutlich banaler.
Farbbilder enthalten mehr Informationen als schwarz-weisse. Aus diesem Grund will sich Joel Meyerowitz in den 60er Jahren bewußt für die Farbfotografie entschieden haben. Dieses Argument überzeugt mich aber keineswegs. Fotografie ist – und je besser sie ist, umso heftiger – ein einziger Kampf um die Reduktion von Informationen: Die Entscheidung für ein Motiv ist eine Entscheidung gegen alle anderen in diesem Augenblick, die Wahl des Ausschnitts ist ein Abschneiden von allem Anderen außerhalb des Formats, der Raum wird auf zwei Dimensionen zusammengepresst, aus der Kontinuität der Zeit wird ein vergleichsweise winziger Abschnitt herausgerissen. Und egal ob schwarz-weiss oder Farbe – die riesige Helligkeitsskala von blendender Sonne zu dunkelstem Schatten wird reduziert auf das bißchen, was ein Papierabzug davon fassen kann. Der ‹Verlust› der Farbe ist im Vergleich dazu nur ein kleiner.
Für die Struktur eines Bildes ist die Farbe aber von gewaltiger Bedeutung. Sie macht das in schwarz-weiss ohnehin schon komplexe Gefüge von Formen und Helligkeiten noch einmal um einiges komplexer. Mit etwas Glück kann Farbe ein Bild ordnen – in der Malerei ist das das Kerngeschäft – aber in der Fotografie muss man in der Regel die Farbe nehmen, die man vom Motiv geliefert bekommt.
Ist Farbe jetzt wirklich banal & böse? – Die eigentliche Frage ist doch, welche ‹Informationen› ich bewusst in meinem Bild haben möchte. Und da bin ich nicht wirklich dankbar für die Information, dass die Bäume grün, der Himmel blau und die Haut hautfarben ist. Es sei denn, und das ist der Unterschied, ich sehe die krebsrote Sonnenbrandhaut von blassen Engländern bei Martin Parr, eine faszinierende Vielfalt von grünen Autolackierungen bei Stephen Shore oder bei William Eggleston einen ultrablauen Himmel, der in Wirklichkeit eine Zimmerdecke ist*.
Das manuelle wie auch das automatische Nachkolorieren von Fotos bringt eben genau nicht diesen Wow-Effekt, den überraschenden Erkenntnisgewinn durch Farbe, sondern fügt mechanisch nur das hinzu, was man ohnehin schon wissen oder sich denken kann: die Straßenbahn gelb, das Mäuerchen rot, das Meer blau – nicht anders als bei einer handkolorierten Postkarte aus den 1910er Jahren. Photoshop CC wird den digitalen Nerd-Sport des Kolorierens historischer Schwarz-Weiss-Fotos weiter popularisieren, dessen Pioniere sich als historisch gewissenhafte Künstler sehen. Den Spiegel fasziniert deren Arbeit möglicherweise auch deshalb, weil dessen regelmäßigen Beiträge zur Nazizeit verlässlich mit (wenigstens echten) Farbbildern von Hitler, Goebbels und Konsorten illustriert werden – womit wir wieder beim eingangs erwähnten ‹erleichterten Zugang› wären.
Interessant wird es wohl erst, wenn man wirklich die Grenze zur Malerei überschreitet und wie Florian Merkel offensiv mit dem Hinzufügen einer neuen Formebene spielt. Dann kann Farbe wieder wirklich das sein, was sie sein sollte: bedeutungstragend und formgebend.

*Wie schmerzlich Eggleston die Farbe herbeigesehnt haben muss, kann man in seinem Buch Before Color sehen. Das ist über weite Strecken keine gute Schwarz-Weiss-Fotografie; viele Bilder sehen aus wie Farbfotos, die ungeschickt in s/w umgewandelt wurden. Man ahnt, dass er da mehr gesehen hatte als der Film fassen konnte. Erst mit dem Wechsel zum Farbfilm beginnt bei ihm das, wofür er berühmt wurde: Bilder, die wegen der Farbe gemacht wurden – oder in denen die Farbe doch wenigstens gleichwertiger Teil ihrer Besonderheit ist.