Planerfüllung

Andreas Trogisch: «Kinder, Autos, Möbel», Museum Villa Stuck, Juni 2019
Tina Bara: «Lange Weile. Archiv 1984–1988», Museum Villa Stuck, Juni 2019

«Von Ferne. Bilder zur DDR»
Museum Villa Stuck
Prinzregentenstraße 60, 81675 München
Ausstellungsdauer: 6. Juni–15. September 2019
Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr,
erster Freitag im Monat bis 22 Uhr

Mit Arbeiten von Tina Bara, Seiichi Furuya, Tamami Iinuma, Sven Johne, Jens Klein, Jürgen Kuttner, Christian Lange, Emanuel Mathias, Katrin Mayer, Simon Menner, Einar Schleef, Christine Schlegel, Joachim Schmid, Erasmus Schröter, Maya Schweizer, Gabriele Stötzer, Paul Alexander Stolle, Elisabeth Tonnard, Andreas Trogisch, Joerg Waehner und Ulrich Wüst.

Das Vergangene ist nicht nur nicht tot, sondern es wird anscheinend immer wieder neu erschaffen. Dieser Gedanke kommt mir, wenn ich mir das Durchnittsalter der in der Ausstellung «Von Ferne. Bilder zur DDR» vertretenen Künstler ansehe; manche von ihnen haben das Ende der DDR nur als Kinder erlebt, einer ist sogar erst zwei Jahre später geboren, mehrere haben die DDR, weil zu jung und aus den Niederlanden, Japan oder Westdeutschland stammend, überhaupt nie live gesehen. Notwendigerweise können dann nicht alle der hier gezeigten Bilder authentische in-situ-Eigenschöpfungen sein; die sind sogar gefühlt in der Minderzahl. Aber genau das ist ja auch der Punkt der Ausstellung: Die Wieder- oder Neuaneignung von Bildern; und das müssen nicht notwendigerweise die eigenen sein.

Aus der Position des Nicht-Mehr-Ganz-Betroffen-Seins ließe sich das Phänomen DDR eigentlich ganz entspannt betrachten, aber die Stasi ist Thema nicht nur bei der 1953 geborenen Gabriele Stötzer oder der 1950 geborenen Christine Schlegel, sondern z.B. auch beim Westdeutschen Simon Menner, der 1989 elf Jahre alt war. Er entwickelt seinen Beitrag, wie auch mehrere seiner In-Etwa-Altersgenossen aus gesuchtem und gefundenem Material aus dem berühmten ‹Abfallhaufen der Geschichte›: hier dem Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde, bei anderen VEB-Werksarchive – zugänglich geworden durch die Geschäftsaufgabe eines ganzen Landes.

Es gibt auch Stasi in lustig zu sehen, wie die Fundberichte über Ballons zum Abwurf westlichen Propagandamaterials, die Jens Klein duch Zufall bei der Recherche nach einem unaufgeklärten Bankraub (ja, das gabs tatsächlich auch im Sozialismus) ausgegraben hat und die mich an Hans Richters fliegende Hüte denken lassen. Ebenfalls schön sind die Ansichtskarten aus der Sammlung von Erasmus Schröter, die die Ansätze von Pillers Archiv und Parrs «Boring Postcards» geradezu stilvoll veredeln.

Mit zunehmendem historischen Abstand entschwebt die böse alte Hexe Stasi ins Sagenhafte, wieder und wieder von den Nachgeborenen hervorgezaubert; aber anders als im Märchen kann man ihre Knochen tatsächlich sehen und anfassen. Der Themenkomplex Flucht & Auswanderung ist auch gut vertreten – das ganze Schreckliche auszubalancieren gegen den gewöhnlichen Alltag ist wohl eine Kunst, die niemand kann. Natürlich war die DDR eine einzige Beleidigung; für den Freiheitswillen seiner Bürger, für das ästhetische Empfinden jedes wahrnehmungsfähigen Menschen, aber – und das immer noch – auch für die bräsige Gewissheit des Westens, dass das private Eigentum an Immobilien und Produktionsmitteln die Garantie für das Glück des Menschen sei.
Vielleicht kommt einmal die Zeit, in der der respektvolle, nicht-propagandistische Umgang mit den künstlerischen Zeugnissen der DDR die Norm sein wird. Ein beherzter Schritt in diese Richtung ist hier schon einmal getan. Eine Garantie für das Reifen einer mittleren Sichtweise ist das allerdings nicht. Aber ich schweife ab …

Fotografie-Fotografie, eigenhändig gemacht in der DDR, gibts nur von wenigen; mein Beitrag kommt mir in diesem Licht gesehen schon fast provozierend randständig-konventionell vor; außer mir haben das nur Tina Bara, Seiichi Furuya, Einar Schleef und Ulrich Wüst im Programm.
Gerade Wüsts Bilder, zumal als endlose Leporellos, faszinieren mich immer wieder; seine Bilder gehörten in den frühen achtzigern zum Wenigen, was mir in der DDR-Fotografie beachtenswert vorkam und Orientierung bot.

Auch das einstündige Künstlergespräch zur Ausstellungseröffnung reichte nicht ansatzweise aus, um alle Aspekte dieser komplexen Schau anzusprechen. Die interessante Beobachtung beispielsweise, dass in vielen Beiträgen unbewusst das Spannungsfeld von Nähe und Ferne verhandelt wird, kam mir leider erst, als das Mikro schon wieder zu war und sich alle auf den Weg zum vorzüglichen Italiener gegenüber aufmachten.

Ich bin froh, in diesem anregungsreichen Projekt vertreten zu sein, in diesen unglaublichen Räumen ausstellen zu können, so umsichtig und freundlich betreut zu werden von der Kuratorin Sabine Schmid und dem Direktor des Museums, Michael Buhrs.

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