Freundliche Worte

Mit der Ausstellung «Andreas Trogisch: Bis jetzt» wirft das Forum für Fotografie einen überwiegend retrospektiven Blick auf das fotografische Schaffen eines der vielseitigsten und subtilsten Vertreter der zeitgenössischen deutschen Fotografie. Präsentiert wird eine Auswahl von Fotografien, die in den letzten dreißig Jahren entstanden sind und den Werkserien «Replies», «Runway» und «Aphasia» entstammen, die alle auch als Fotobuch publiziert wurden. Hinzu gesellen sich neuere Stadtlandschaften (in Farbe) sowie eine Serie von Werken aus den letzten Jahren der DDR, die Trogisch unter dem Titel «Vineta» zusammengefasst hat und die bis Ende der Ausstellung ebenfalls als Fotobuch vorliegen wird.

Andreas Trogisch ist ein Meister der Schwarzweiß-Kontraste und komplexer, nuancenreicher Bildgefüge. Sowohl im Foto- als auch im Buchdruck strebt er eine drucktechnische Qualität an, die in ihrer Tonigkeit, Schärfe und Präsenz die haptischen Qualitäten des Kupfertiefdrucks suggeriert. Schwarz ist in den Fotografien von Trogisch nicht mehr nur als Farbe, Negation oder Abwesenheit zu verstehen, sondern als Grundkörper, als Urzustand, aus dem Formen und Gestalten gleichsam erwachsen. Schwarz ist sowohl die vorherrschende Grundstimmung als auch das Korrelat zur sichtbaren Welt der Formen und Materialien. Das Spielende der Interaktion von Form und Farbe erfährt ein zusätzliches Spannungsmoment, indem Trogisch sich in seiner Herangehensweise auf Motive und Situationen konzentriert, die von einer besonderen Stille und Entrückung geprägt sind. Trotz der Beiläufigkeit der ins Bild genommen Momente wirken seine Aufnahmen wie Konzentrate, wie Meditationen. Dabei gibt es keine eigentlichen Themen – für den Poeten und Jäger Trogisch eröffnet sich das Entscheidende eines Momentes überall.

Auf der Folie einer melancholischen Grundstimmung berühren seine Bilder wie traumwandlerische Eingebungen eines begnadeten Sehers: Eine Fotografie der Rätsel und der Verführung, die uns über die subtile Schönheit der Szenen staunen lässt und eine ganz eigene, magische Sogkraft entwickelt. Hier spricht eine mächtige Bildwelt zu uns, manchmal aus einer nostalgischen Ferne, manchmal kraftvoll und nah. Bei der Betrachtung seiner Fotografien entsteht der Eindruck, man stoße innerhalb einer  vertrauten Welt eine neue Tür auf, und man sehe durch den «sehenden» Blick eines Anderen mehr, als man ohne ihn zu sehen fähig wäre.

Umso erstaunlicher mutet es zunächst an, wenn Trogisch sagt, er sei  «noch nie in der Lage gewesen, ein zufriedenstellendes Erinnerungsfoto zu machen, weder ein Portrait noch eine soziale Situation, weder eine Landschaft noch ein Interieur. Immer fehlt etwas, was auf solchen Bildern das Wichtige ist; (…). Warum das so ist, hat damit zu tun, dass wichtige Sachen nicht immer wichtig aussehen, und andererseits im Unwichtigen sich etwas Wichtiges visualisieren kann. Auf diese Glücksmomente bin ich angewiesen – mit den Worten von Robert Adams: ‹useful pictures don’t start from ideas. They start from seeing›.» Deutlich werden seine Sichtweise auf die Bedeutung  und Wirksamkeit der Fotografie sowie der eigene Anspruch an sein Werk in folgenden Äußerungen: «Oft geht es (…) nur um eine spezielle Form von Energie, die das Werk der Vorbilder durchzieht. Diese Intensität ist die Norm, hinter die man als Nachgeborener nicht zurückfallen darf. Motive pflanzen sich genauso fort wie Sehweisen und werden Teil des allgemeinen Bildgedächtnisses und entwickeln sich in jeder Wiederkehr weiter. Aber immer geht es um den Anspruch, aus dem Programm auszubrechen, das in die Apparate, die Verfahren, die Erwartungen eingeschrieben ist und uns dazu anhalten will, dass vorgezeichnete Universum der fotografischen Bilder vollständig auszutapezieren. Kann Fotografie in die Welt verändern? Sie kann, und zwar weil sie die Art verändert, wie wir die Welt sehen.»

(Thomas Appel zur Ausstellung im Forum für Fotografie Köln, April–Juni 2016)